Ein Sitzplatz in der First Class hat noch lange nichts mit persönlicher KLASSE zu tun. KLASSE zeigt sich bereits im Parkhaus. Ein KLASSE Mann kommt rechtzeitig zum Flugplatz und sucht einen ordnungsgemäßen Parkplatz im Parkhaus oder lässt sich zum Flughafen chauffieren. Sich einfach irgendwo vor den Fahrstuhl zu stellen, weil kein anderer günstiger Platz mit kurzen Wegen mehr frei war, ist für ihn indiskutabel.
Er drängelt nicht in der Warteschlage am Check-in oder der Sicherheitskontrolle als ein „Mister Wichtig“. Der KLASSE Mann hat ohnehin bereits elektronisch eingecheckt, ist Frequent-Flyer-Passagier mit besonderem Service oder kommt rechtzeitig.
TIPP UPGRADING: Sind Sie im Flugzeug immer bestens gekleidet werden Sie bei Überbuchungen bevorzugt in die bessere Klasse „upgegradet“.
Wenn der Klasse Man in den vorderen Reihen sitzt springt er nicht auf, wenn die hinteren Reihen zuerst aufgerufen werden und versperrt den schmalen Flugzeuggang mit dem Verstauen seines Handgepäcks. Gerne nimmt er eine Zeitung oder Zeitschrift, nicht jedoch eine komplette Literaturauswahl. Hätten mehr Menschen KLASSE, hätten auch alle Passagiere des Flugzeugs eine Zeitung! Wenn er seinen Sitzplatz erreicht hat, grüßt er seinen Sitznachbarn. Wie ausführlich das geschieht, ist abhängig von Sympathie und Lesestoff. Small-Talk in dieser Situation kann, muss aber nicht sein. Steigen kleinere Personen oder Damen ein, ist er beim Verstauen des Gepäcks behilflich und beobachtet nicht tatenlos die fruchtlosen Versuche anderer.
Ist der Mittelplatz frei, okkupiert er ihn nicht kommentarlos mit seinem Aktenkoffer und Zeitungen, sondern begleitet sein Tun mit einem rhetorischen „Darf ich?“ an die Person auf der anderen Seite. Selbstverständlich breitet er sich nicht allein aus, wenn der Sitznachbar ebenfalls ein Jackett oder Arbeitsmaterial auf dem Mittelplatz loswerden möchte. Und er behält auf kurzen Strecken die Schuhe an – immer.
Das bevorzugte Getränk vieler KLASSE Männer im Flugzeug ist Tomatensaft und stilles Wasser. Die Qualität von Tee und Kaffee entsprechen meist nicht ihren Vorstellungen, Limonaden ersparen sie ihrer Figur und Alkohol ihrem Organismus. Wenn sie nicht gerade vollkommen ausgehungert sind, verzichten sie auch auf das weiche Sandwich, den Müsliriegel oder die Tüte Chips und genießen lieber hochwertiges Essen mit festem Boden unter den Füßen.
Abschließend bewahrt er beim Aussteigen Ruhe, lässt sein Handy im Flugzeug ausgeschaltet, hilft beim Jacken und Taschen hervorräumen, schenkt dem Sitznachbarn einen Abschiedsgruß und dem Bordpersonal ein Lächeln. Und er hinterlässt seinen Sitzplatz nicht wie eine Mülldeponie.
© 2008 Sabine Schwind von Egelstein



